Wer hierzulande nach handfestem Genrekino sucht, landet noch immer äußerst schnell bei der Erkenntnis, dass zwischen Krimi, Komödie und den üblichen Fernsehformaten nicht gerade verschwenderisch viel Platz bleibt. Umso sympathischer ist zunächst einmal die Entstehungsgeschichte von Bonnie – Eine Münchner Action-Komödie. Regisseur und Autor Mark Lohr stemmte seinen Film abseits der üblichen Strukturen, ohne öffentliche Filmförderung und ohne Senderbeteiligung. Finanziert wurde das Projekt unter anderem über Crowdfunding und lokale Sponsoren, gedreht wurde innerhalb von rund 25 Tagen. Ein waschechtes Independent-Projekt also, das nicht darauf wartet, dass jemand die Tür zum deutschen Genrekino öffnet, sondern einfach selbst hindurchgeht.
Wobei der Titel ein wenig in die Irre führt. Denn eine waschechte Action-Komödie ist Bonnie trotz Verfolgungsjagden, Schießereien und einiger weiterer Eskalationen nur bedingt. Viel stärker versteht sich der Film als schräge Crime-Comedy, die ihre überschaubaren Mittel weniger in spektakuläre Schauwerte als in Figuren, Situationskomik und eine gehörige Portion Münchner Lokalkolorit investiert.
Im Zentrum stehen Hannah (Corinna Blädel) und Layla (Lea Liebhart), einst gemeinsam Teil der Band „Lacke Plörre“, deren Wege sich längst getrennt haben. Als vor ihrer ehemaligen Stammkneipe Bonnie ein mysteriöser Rucksack auftaucht, finden sich die beiden in einer reichlich absurden Geschichte um eine Bombe, eine Geisel und zwei Polizisten wieder, die auch nicht unbedingt den Eindruck vermitteln, Herr der Lage zu sein. Was folgt, ist eine zunehmend chaotische Tour durch München, bei der nebenbei auch die gemeinsame Vergangenheit der beiden Frauen wieder auf den Tisch kommt.
Dass Bonnie dabei über weite Strecken funktioniert, hat vor allem einen Namen: Corinna Blädel. Ihre Hannah ist eine herrlich schräge Erscheinung, die sich mit bemerkenswertem körperlichem Einsatz durch den Film bewegt und dessen Hang zum Absurden nahezu perfekt verkörpert. Blädel spielt groß, laut und bewusst überzeichnet, findet in den entscheidenden Momenten aber rechtzeitig den Weg zurück zu einer Ernsthaftigkeit, die ihre Figur davor bewahrt, zur bloßen Karikatur zu verkommen. Gerade weil sich der Film so stark auf seinen eigenwilligen Humor verlässt, braucht er jemanden, der diesen Ton nicht nur über Dialoge, sondern mit dem ganzen Körper transportieren kann. Blädel übernimmt diese Aufgabe mit sichtbarer Freude.
Ohnehin besitzt Bonnie eine sehr konkrete Vorstellung davon, was er sein möchte. München ist hier nicht einfach austauschbare Kulisse, sondern Teil der Identität. Kneipenromantik trifft auf Rock-'n'-Roll-Attitüde, Bier auf bayerischen Dialekt und eine gewisse Sehnsucht nach einem München, das sich nicht vollständig glattgebügelt präsentieren möchte. Dass dabei auch Zugezogene und Hipster den einen oder anderen Seitenhieb abbekommen, gehört fast zwangsläufig zum Programm. Der Film trägt seinen Lokalpatriotismus offensiv vor sich her und entwickelt gerade dadurch einen Charme, den eine deutlich größere, aber gesichtslosere Produktion vermutlich nur schwer reproduzieren könnte.
Zwischen all dem Klamauk versucht Lohr zudem immer wieder, auch Ernsthaftigkeit unterzubringen. Trauerbewältigung, Eskapismus, Freundschaft und zwischenmenschliche Verletzungen tauchen zwischen Bier, Chaos und Situationskomik auf. Allerdings verweilt Bonnie kaum länger als einen Wimpernschlag bei diesen Themen. Gerade beginnt eine Szene emotional etwas tiefer zu graben, da wartet meistens schon der nächste Gag. Das verhindert zwar einen allzu harschen Bruch mit dem grundsätzlich leichten Ton, lässt die ernsteren Momente aber gleichzeitig etwas flüchtig erscheinen.
Überhaupt hätte dem Film ein wenig mehr Konsequenz beim Straffen gutgetan. Mit gut zehn bis fünfzehn Minuten weniger Laufzeit wäre die Geschichte vermutlich deutlich spritziger ausgefallen. Manche Pointen und Eigenheiten werden schlicht zu häufig bemüht. Hannahs notorischer Bierdurst etwa funktioniert zunächst wunderbar als Bestandteil ihrer Persönlichkeit, wird aber so regelmäßig hervorgeholt, dass aus Charakterzeichnung irgendwann Wiederholung wird. Auch musikalisch sitzt nicht jeder Einsatz. Der Score wirkt gelegentlich merkwürdig von den jeweiligen Szenen entkoppelt und unterstützt deren Dynamik nicht immer so, wie es notwendig wäre. Hier werden die begrenzten Produktionsmöglichkeiten durchaus spürbar. Gleichzeitig gehört dies zu jenen Punkten, bei denen der Entstehungskontext berücksichtigt werden darf: Bonnie ist keine Studioproduktion, sondern ein mit überschaubaren Mitteln realisiertes Independent-Projekt. Das macht Schwächen nicht unsichtbar, setzt sie aber in eine entsprechende Relation.
Und gerade deshalb liegt der eigentliche Reiz des Films ohnehin woanders. Bonnie – Eine Münchner Action-Komödie besitzt etwas, das sich mit Geld nur schwer kaufen lässt: eine eigene Identität. Mark Lohr und sein Team wissen ziemlich genau, aus welchem kulturellen Umfeld ihr Film kommt, und versuchen gar nicht erst, dessen Ecken und Kanten für ein möglichst breites Publikum abzuschleifen. Das Ergebnis ist manchmal zu lang, gelegentlich repetitiv und technisch nicht überall rund, dafür aber eigenwillig, lokal verwurzelt und mit einer angenehm ungeschliffenen Rock-'n'-Roll-Haltung ausgestattet.
Vor allem Corinna Blädel sorgt dafür, dass diese Mischung trägt. Wer mit bayerischem Lokalkolorit, Kneipenromantik und bewusst schräger Situationskomik etwas anfangen kann, dürfte an dieser ungewöhnlichen Münchner Crime-Comedy entsprechend viel Freude haben. Vielleicht ist Bonnie am Ende also gar nicht das große bayerische Actionkino, das der Titel verspricht. Dafür ist es etwas womöglich Interessanteres: ein kleiner, eigensinniger Genrebeitrag, der lieber mit einem Bier in der Hand seinen eigenen Weg geht, als sich den üblichen deutschen Filmkonventionen anzupassen.
Nach seinem Kinostart am 3. September geht „Bonnie – Eine Münchner Action-Komödie“ auf Kinotour durch Bayern, bei der Regisseur Mark Lohr sowie Teile von Cast und Crew den Independent-Film persönlich präsentieren.