Erich Kästners Emil und die Detektive gehört zu jenen Kinderbüchern, die weit über ihre eigentliche Zielgruppe hinausgewachsen sind. Seit der Veröffentlichung 1929 wurde die Geschichte um den Jungen, der nach einem Diebstahl in Berlin selbst die Verfolgung aufnimmt, mehrfach für Kino und Fernsehen adaptiert. Das liegt nicht nur an der zeitlosen Detektivgeschichte, sondern auch daran, dass Kästner Kindern etwas zutraut: Sie sind keine kleinen Erwachsenen, aber durchaus in der Lage, ihre Angelegenheiten selbst in die Hand zu nehmen. Freundschaft, Solidarität und der Blick auf soziale Unterschiede gehören dabei ebenso zum Kern der Geschichte wie die eigentliche Verbrecherjagd.
David Dietl (Ein Münchner im Himmel) versucht gar nicht erst, Kästners Vorlage museal zu behandeln. Seine Version von Emil und die Detektive verlegt die Geschichte konsequent in die Gegenwart und aktualisiert sie, ohne den Grundaufbau aus den Augen zu verlieren. Das funktioniert über weite Strecken erstaunlich gut, weil der Film nicht permanent darauf besteht, möglichst modern zu wirken. Dietl inszeniert sauber, flott und mit einem guten Gespür dafür, wann die Geschichte Tempo und wann sie etwas Ruhe braucht. Dabei erlaubt sich die Neuverfilmung sogar einige fast schon subversive Momente.
Moderne Neuverfilmung mit überraschenden Momenten
Besonders schön zeigt sich das bei Emils Zugfahrt nach Berlin. Nachdem er ein Edible genommen hat (keine Panik, das passiert nicht mit seiner Absicht), erlebt der Junge einen kleinen Drogentrip, der weder als großes Skandalereignis noch als erhobener Zeigefinger inszeniert wird. Stattdessen gehört die Sequenz ganz selbstverständlich zu diesem modernen Kinderabenteuer – und führt unmittelbar dazu, dass Emil im Zug sein Geld gestohlen wird. Für einen Film, der sich an ein junges Publikum richtet, ist das angenehm unverkrampft. Die Geschichte macht aus dem Fehler des Jungen keine moralische Standpauke, sondern lässt ihn schlicht Konsequenzen tragen.
Überhaupt findet Dietl einen guten Zugang zu seinen jungen Darsteller*innen. Die Kinder wirken nicht wie Erwachsene, die von Kindern gespielt werden, sondern tatsächlich wie eine Gruppe unterschiedlicher Charaktere mit eigenen Eigenheiten. Nicholas Jonah Peter wird dabei von Dietl besonders gut geführt. Als Emil verbindet er die leicht überforderte Art eines Landeis mit den kleinen Neurosen eines Muttersöhnchens und einer entwaffnend liebenswerten Ehrlichkeit. Peter macht aus Emil keinen klassischen Kinderfilmhelden, der ständig die richtige Entscheidung trifft, sondern einen Jungen, der Fehler macht, sich trotzdem behauptet und dadurch sympathisch bleibt.
Auch der erwachsene Cast trägt seinen Teil dazu bei. Merlin Sandmeyer (dank Die Discounter der neue Cringe-König) gibt den Betrüger Grundeis genau die richtige Mischung aus Schmierigkeit und Durchtriebenheit. Als Gegenspieler wirkt er für die Detektive herausfordernd, ohne dass der Film ihn unnötig aufblasen müsste. Ursula Werner (Der Junge muss an die frische Luft) als Großmutter und Luise Heyer (In die Sonne schauen) als Emils Mutter verleihen dem Geschehen dagegen eine angenehme Bodenhaftung. Beide müssen dafür gar nicht besonders viel tun. Ihre Präsenz reicht, um die Welt außerhalb der Kinderbande greifbar zu machen und dem Abenteuer ein familiäres Fundament zu geben.
David Dietls Kinderfilm punktet mit Cast und zeitgemäßer Inszenierung
Ganz ohne Reibung funktioniert die Modernisierung allerdings nicht. Mehr als nur eine Dialogzeile der Kinder klingen deutlich danach, als seien sie geschrieben worden, um möglichst gegenwärtig zu wirken. Dann hört man weniger die Figuren als die Drehbuchautor*innen, die ihnen gerade ein zeitgemäßes Vokabular in den Mund legen. Zum Glück hält sich dieses Problem in Grenzen. Meistens gelingt es dem Film, seine Aktualisierungen in die Handlung einzubauen, statt sie ständig auszustellen.
Etwas schwieriger sind jene Momente, in denen Emil, der nicht gerade aus einem wohlhabenden Elternhaus kommt, durch seine neuen Berliner Freund*innen mit einer Welt konfrontiert wird, in der Konsum und Kommerz als erstrebenswerter Status erscheinen. Das ist zwar nur ein vergleichsweise kleiner Bestandteil des Films, wirkt innerhalb dieser Geschichte aber irritierend. Gerade weil Kästners Vorlage soziale Unterschiede nicht ausblendet, sondern zum Ausgangspunkt ihres Abenteuers macht, wäre hier etwas mehr Zurückhaltung wünschenswert gewesen. Wirklich störend wird dieser Aspekt nicht, erfreulich ist er allerdings ebenfalls nicht.
Trotz solcher Schwächen besitzt Dietls Neuverfilmung eine wohltuende Bodenhaftung. Sie möchte weder den Klassiker entstauben, indem sie ihn komplett zerlegt, noch versucht sie, Kästners Geschichte einfach möglichst originalgetreu nachzuspielen. Stattdessen nimmt sie die Grundidee ernst und übersetzt sie in eine Gegenwart, in der Kinder mit anderen Dingen konfrontiert werden als vor fast hundert Jahren – ohne ihnen dabei ihre kindliche Perspektive zu nehmen.
Das ist vielleicht die größte Stärke dieser Version: Emil und die Detektive versteht, dass eine zeitgemäße Adaption nicht jede Szene mit einem dicken Ausrufezeichen versehen muss. Wenn der Film seinen jungen Figuren vertraut, funktioniert er am besten. Dann entsteht ein sympathisches Kinderabenteuer, das seine Vorlage respektiert, ohne sich ihr unterzuordnen. Nicht jeder Modernisierungseinfall sitzt, doch Dietls Inszenierung, der gut aufgelegte Cast und ein Hauptdarsteller, der Emil angenehm ungekünstelt verkörpert, machen daraus eine insgesamt gelungene Neuinterpretation.