Inhalt
Vyan, eine kurdische Scharfschützin, hat den Krieg überlebt, indem sie ihre Gefühle unterdrückt hat. Als sie erfährt, dass ihre jüngere Schwester – die während des Angriffs des IS im Jahr 2014 als verschollen galt – womöglich noch in Mossul am Leben ist, kehrt sie in eine von Tod und Zerstörung geprägte Stadt zurück. Ihre Suche entwickelt sich sowohl zu einer Rettungsmission als auch zu einer Konfrontation mit jenem Trauma, das sie jahrelang zu verdrängen versucht hat.
Kritik
„Thank you for listening to my thoughts.“, sagt die Heldin Halkawt Mustafas (Hiding Sadam Hussein) martialischen Kriegsfilms aus dem Off, nachdem sie sich 110 Minuten durch die iranischen Frontreihen von ISIS geschossen hat. Doch die Gedanken der jungen Vyan (Avan Jamal), die einst mit ihrer kleinen Schwester von ISIS verschleppt wurde und nun als Sniper gegen die Terror-Gruppe antritt, sind vielmehr die des kurdisch-norwegischen Regisseurs. Sein selbst verfasstes Drehbuch ist von wahren Begebenheiten inspiriert, aber weit mehr noch von Genre-Ware er gleichen Kategorie.
Deren Tropes und Narrative formen die funktionalistische Handlung, deren Verbindung zur Realität vorwiegend nominell scheint. Um ihre Schwester zu befreien, lehrt Vyan entgegen des Rates ihrer Vorgesetzten, die sie mit einer neuen Identität ausstatten wollen, zurück in den Irak. Dort schießt sie sich im Alleingang hinter feindliche Linien, wo ihre Schwester gefangen gehalten wird - von einem gefürchteten ISIS-Kämpfer namens Swedish Sniper. Schon die erste Einstellung fixiert zwei feindliche Soldaten durch eine runde Mauerlücke ähnlich eines Zielfernrohrs. Die Perspektive ist Programm.
Vyan pirscht sich mit der Waffe im Anschlag an, eliminiert eiskalt Komparse Zielscheibe und befreit ein paar Mal noch ein kleines Mädchen. Dieses Muster wiederholt das Szenario mehrfach bis zur entscheidenden Konfrontation. Überraschungen gibt es weder dramaturgisch noch psychologisch. Das Gleiche gilt für moralische Grauzonen und charakterliche Ambivalenz. Gut und Böse sind klar unterteilt. Vyan blickt zwar ständig in einen Abgrund, doch als nahezu tadellose Heldin wird sie nie davon angezogen. Jamals glaubhaft verkörperte schwelende Wut genügt nicht, um die heroische Hülle zu füllen.
Fazit
Kompetente Kameraarbeit und straffer Schnitt halten durchgehend eine Atmosphäre konzentrierter Anspannung. Jamals ausdrucksvolles Spiel wird unwillkürlich zum Zentrum des soliden Casts. Kulissenhafte Theatralik nagt dennoch an der Suspense. Dialoge sind abgegriffene Phrasen, die so vertraut wirken wie die Figuren-Typen. Action-Spektakel bleibt aus, Kämpfe bleiben vereinzelt und knapp. Lautlos und buchstäblich blutleer, scheint der Tod unpersönlich. Gewalt wird zur überhöhten Heldentat: „Death gives meaning to all we have lived for.“ So gibt es reichlich Bedeutung in dem bellistischen Epos, das Freiheitskampf und Krieg als austauschbar betrachtet und gleichermaßen ikonisiert.
Autor: Lida Bach