Inhalt
Lee ist ein herausragender Kriminalermittler in Taipeh. Nachdem er sein Team bei einem Einsatz verloren hat, wird er von Schuldgefühlen geplagt und auf eine ländliche Polizeiwache versetzt. Durch das Trauma des Vorfalls verliert Lee sein Gedächtnis – ist jedoch fest entschlossen, dies zu verheimlichen. Bald darauf wird ihm ein neuer Fall übertragen: die Entführung des Sohnes eines einflussreichen japanischen Geschäftsmanns.
Kritik
Polizei-Thriller, Crime Comedy und Psychogramm mixt Taiwans rastloser Regie-Veteran Sabu (Dancing Mary) mit einer Portion Popcorn-Philosophie zu einem geschliffenen Genre-Kleinod, das die instabile Identität seines psychopathologischen Protagonisten zum narrativen Nexus macht. Ego und Erinnerung, Schuld und Selbstwahrnehmung sind die Eckpunkte einer actiongeladenen Allegorie der Mutabilität von Mentalität und Moralverständnis. Beide stehen in einem kuriosen Verhältnis von Desintegration und Rekonstruktion in einer ebenso rasanten wie rabiaten Reflexion über die polizeilichen und psychologischen Perspektiven, die der Kollaps festgefahrener Charaktermuster unvermittelt öffnet.
Amnesie wird im Rahmen der schablonenhaften Story, die den medizinischen Zustand in erster Linie als dramaturgisches und formales Mittel zum Zweck auffasst, zu einem ethischen Tabula Rasa. Für den desillusionierten Ermittler Lee (Ethan Juan, Chong sheng), der seine früheren Ideale von pflichtbewusster Polizeiarbeit längst der grassierenden Korruption geopfert hat, werden die Gedächtnislücken nach einem missglückten Einsatz in Taipeh zur kuriosen Charakterbildungs-Chance. Seine Kollegen ahnen nicht, dass ihrem altgedienten Vorgesetzten mitten in einem eskalierenden Entführungsfall die Erinnerung versagt.
Der gehetzte Protagonist, der wie üblich zwischen die Fronten vorgesetzt und Gangstern gerät, hat zwar keinen Plan, was er vor einer Stunde getan hat, verfugt aber weiterhin über Körpergedächtnis und kriminalistische Instinkte. Beides kommt ihm sehr gelegen bei der schwarzhumorigen Suche nach einem entführten Jungen, die Jai Ips Kamera und Matthieu Laclaus rasante Montage in ständiger Bewegung halten während Junichi Matsumotos generischer Soundtrack den Pathos hochschraubt. Genug, um die kompakten 87 Minuten Laufzeit unterhaltsam zu machen.
Fazit
In seiner ironischen Inversion des typischen Ermittlungsmusters von Kriminalfilmen lässt Sabu seinen von Amnesie heimgesuchten Anti-Helden immer weniger Zusammenhänge begreifen, umso tiefer er sich in seinen Fall verstrickt. Das Gedächtnis scheint zugleich Speicher und Schöpfungsort von Persönlichkeitseigenschaften, die ohne formative Erfahrungen verschwinden. Die Spur zu einem gekidnappten Kind ist zugleich der psychische Pfad zum infantilen Idealismus des Hauptcharakters, den Juan souverän als chaotische Kampf-Maschine verkörpert. Der solide Eintrag in Sabus Filmographie ist auch ohne Amnesie prompt vergessen.
Autor: Lida Bach