5.9

MB-Kritik

Eine Familie zum Knutschen 1986

Action, Comedy, Family – Netherlands

5.9

Nelly Frijda
Huub Stapel
René van 't Hof
Tatjana Simić
Horace Cohen
Nani Lehnhausen
Jan-Willem Hees
Boris
Wodan
Lou Landré
Apollonia van Ravenstein
Herbert Flack
Lettie Oosthoek
Bert André
Gerrie van der Klei
Egbert van Paridon

Inhalt

Familie Flodder hat es in sich. Die Mutter ist eine richtige Schlampe, die Tochter ein kleines Flittchen, der Opa ist nicht ganz dicht in der Birne und die Söhne neigen etwas zur Kriminalität. Die Flodders sind ein mobiles Katastrophengebiet. Als dann ein experimentierfreudiger Sozialarbeiter der Stadtverwaltung die traute Familie auch noch in eine Luxusvilla im feinsten Snob-Viertel einquartiert, nimmt der Wahnsinn seinen turbulenten Lauf...

Kritik

Es gibt Komödien, die mit zunehmendem Alter zahmer werden. Flodders – Eine Familie zum Knutschen gehört definitiv nicht dazu. Dick Maas’ rabenschwarze Familienkomödie ist vulgär, geschmacklos und mitunter ziemlich böse – aber eben auch verdammt unterhaltsam. Als die asozial-genannte Großfamilie unfreiwillig in einer schicken Vorstadtsiedlung landet, prallen zwei Lebenswelten aufeinander. Die Flodders denken gar nicht daran, sich anzupassen, und ihre neuen Nachbarn sind denkbar schlecht darauf vorbereitet.

Rund zwei Millionen Niederländer gingen damals ins Kino – für den heimischen Markt ein gewaltiger Erfolg. Aus dem Film wurde ein Franchise mit zwei Fortsetzungen und einer Fernsehserie; selbst RTL+ versuchte sich später an einer Wiederbelebung der Flodders. Das Revival wurde zwar tatsächlich umgesetzt, fand offenbar aber nicht genug Publikum, um die Familie wieder dauerhaft zum großen Thema zu machen. Der erste Film hingegen ist Kult – und war ursprünglich sogar ab 18 freigegeben. Wer ihn heute wiedersieht, versteht durchaus, warum.

Eine Familie, die immer noch aneckt

Denn Flodders macht aus häuslicher Gewalt ebenso bereitwillig einen Witz wie aus Inzest und Prostitution. Besonders Kees (), die älteste Tochter, wirkt durchaus so, als hätte sie Spaß daran, den männlichen Stelzböcken eine gute Zeit zu bereiten. Wenn sich allerdings eine Schlange vor ihrem Schlafzimmer bildet, während ihr kleiner Bruder kassiert, ist das auch nach heutigen Maßstäben eine ziemlich deutliche Ansage.

Maas hält bei solchen Grenzüberschreitungen selten inne, um sie moralisch auszuleuchten. Vieles ist derart überzeichnet, dass man es kaum für eine realistische Darstellung halten kann. Genau diese hemmungslose Konsequenz verleiht dem Film seinen Schwung. Flodders will provozieren und amüsieren – und schafft beides erstaunlich oft gleichzeitig.

und brillieren als ältester Sohn Johnny und Ma Flodder. Alleine ihnen beim Spiel zuzusehen, entbehrt nicht einem gewissen Unterhaltungswert, der noch einmal gesteigert wird, wenn es zum Culture Clash kommt. Interessanterweise sind die Flodders nie die eigentlichen Aggressoren. Sie reagieren lediglich auf ihre Umwelt – allerdings ohne Angst vor Konsequenzen und ohne den geringsten Wunsch, sich deren Regeln zu unterwerfen. Maas zeigt dabei deutlich mehr Sympathie für seine proletarischen Chaoten als für die versnobten Bewohner des Nobelviertels, deren gepflegte Fassaden mindestens ebenso viel Überheblichkeit verbergen wie die Flodders schlechte Manieren.

Gerade aus diesem Zusammenprall zieht die erste Hälfte ihre Energie. Die Einfälle kommen Schlag auf Schlag, während die Flodders die vermeintliche Idylle ihrer Nachbarschaft Stück für Stück zerlegen. In der zweiten Hälfte nutzt sich das Prinzip allerdings etwas ab. Es gibt weniger wirklich neue Situationen, manches wiederholt sich und der Film verliert dadurch ein wenig von seinem anfänglichen Tempo.

Galliger Klamauk mit langer Haltbarkeit

Auch musikalisch ist Maas, der auch als Komponist beteiligt war, nicht immer treffsicher. Seine Filmmusik ist in den besten Momenten unglaublich catchy, allen voran die Titelmusik, die sich als hartnäckiger Ohrwurm ins Gedächtnis frisst. An anderen Stellen klingt das Gedudel allerdings derart unpassend, dass es beinahe wie eine Parodie auf sich selbst wirkt.

Maas hat immer wieder betont, ohne große Agenda oder konkrete Aussage zu filmen. Trotzdem steckt in Flodders durchaus eine Beobachtung über den Umgang mit der Unterschicht und die Überheblichkeit der Oberschicht. Zugleich bestätigt und erweitert der Film genüsslich die Klischees beider Seiten: Hier das rücksichtslose Proletariat, dort die selbstgefälligen Patrizier. Eine ausgearbeitete Gesellschaftssatire ist daraus nicht geworden – dafür ist Maas viel zu sehr an der nächsten Geschmacklosigkeit interessiert.

Aber gerade diese hemmungslose Überzeichnung macht den Film bis heute interessant. Regisseur Maas, der mittlerweile mehr missachtete Genre-Filme wie Prey - Beutejagd oder Amsterdamned II - Verfluchtes Amsterdam dreht, wollte vielleicht keine Botschaft vermitteln. Trotzdem hat sein Brachialkomödie mehr zu erzählen, als sein rüpelhafter Auftritt zunächst vermuten lässt.

Fazit

Ein provokanter Spaß, der auch Jahrzehnte nach seiner Premiere noch versteht, wo er anecken kann. Nicht jede Pointe funktioniert noch gleich gut, doch Maas’ Komödie besitzt genug Tempo, Spielfreude und anarchischen Humor, um sich nicht in einer bloßen Zeitkapsel zu erschöpfen. 

Autor: Sebastian Groß
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