MB-Kritik

Ground Floor 2026

Ádám Tompa
Bettina Józsa
Bacskó Tünde
György Gazsó
Júlia Kindl
Rodrigo Crespo
Raul Ionescu
Marcello Fonte
István Znamenák
Éva Tímár
Viktor Fülöp
András Rusznák

Inhalt

Die Geschichte folgt Kristóf, einem Mann, der schwarzen Schimmel an der Wand seiner Wohnung entdeckt und seine Nachbarn nach undichten Rohren befragt – was eine Kette von Ereignissen auslöst, die seine Welt auf den Kopf stellen.

Kritik

Das titelgebende Erdgeschoss Gábor Reiszs jüngsten Beitrags zu den Filmfestspielen von Venedig, von wo er 2023 mit Explanation for Everything den Preis für den Besten Film in der Sektion Orizzonti mitnahm, ist eine unverkennbare Allegorie des unteren Levels in der sozialen Hierarchie, die der symbolträchtige Schauplatz darstellt. Das vermeintlich moderne Wohnhaus, in das der prototypische Protagonist und seine Frau vor einem Jahr eingezogen sind, entpuppt sich als schäbiges Konstrukt auf verwitterten Grundpfeilern, in dessen Ecken der Moder wuchert und in dessen Hinterhof sich Müllberge türmen. 

Man muss nur ein Stück von der Verkleidung entfernen, wie der verhinderte Schriftsteller Kristóf (Ádám Tompa, Blue Heron) es tut, als ihm sein Handy während eines Telefonats mit seiner schwangeren Frau Vera (Bettina Józsa, Feels Like Home) hinter den Einbauküchenschrank fällt. Versteckt, womöglich gar absichtlich, breitet sich dort Schimmel aus. „Schwarzer Schimmel“, die gesundheitsschädliche Art, wie Kristóf anmerkt, als er den Mangel dem Hausverwalter melden will. Aus der Formalität entwickelt sich ein klaustrophobischer Kleinkrieg, der den Helden und eine kuriose Garde Nachbarn und Nutznießer vom Keller bis ins Dachgeschoss führt. 

Als Mikrokosmos der ungarischen Gesellschaft unter Viktor Orbán, dessen Abwahl nach 16-jähriger de facto Herrschaft in Reisz‘ prophetischer Pointe anklingt, ist das Gebäude selbst der heimliche Hauptcharakter systemkritischen Satire. Deren kleinkarierte Konflikte funktionieren als spöttisches Sittenbild der bürgerlichen Mittelschicht ebenso wie als Allegorie der bürokratischen Fallstricke staatlicher Institutionen und vertrackten Dynamik sozialer Strukturen. Hausverwalter Balázs (Rodrigo Crespo), der in der aufdringlichen Nachbarin Ms. Saci (Julia Kindl) seinen eigenen Fanclub hat, ist unauffindbar, und die Stimmung unter den ähnlich unzufriedenen Mitmieter*innen steigert sich zur Revolte. 

Fazit

Nicht zufällig steigt die meuternde Mietergemeinschaft in Gábor Reisz‘ schwarzhumoriger Sozialsatire auf der Spur der Ursache des Schimmelbefalls, der sich in ihrem gesamten Gebäude verbreitet hat, in immer höhere Etagen. Jene sind offenbar soziale Stockwerke, auf die Nepotismus und Korruption in Form von Pilzbefall aus dem buchstäblichen Room at the Top durchsickert. Als wortwörtlich toxische trickle-down economics verpesten Gier, Gentrifizierung, ein post-kommunistisches Überwachungssystem und Opportunismus das soziale Miteinander. Kristóf Becseys konspirative Kamera erkundet Zsófia Tasnádi kongeniales Szenenbild mit sardonischer Suspense und Gespür für absurde Komik. 

Autor: Lida Bach
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