Inhalt
Nachdem er 19 Jahre Haft für den Diebstahl eines Laibs Brot verbüßt hat, kehrt Jean Valjean als verhärteter Mann in die Freiheit zurück. Er strebt nach Erlösung, indem er sich unter einer neuen Identität als angesehener Würdenträger ein neues Leben aufbaut. Er verspricht der sterbenden Fabrikarbeiterin Fantine, ihre Tochter Cosette zu retten und zu beschützen, die von der betrügerischen Familie Thénardier ausgebeutet und misshandelt wird. Während Valjean Cosette wie sein eigenes Kind großzieht, wird er unerbittlich von Inspektor Javert verfolgt.
Kritik
Immerhin singt niemand. Das ist dann auch schon die herausragendste Qualität Fred Cavayés (Farewell, Mr. Haffmann) redundanter Leinwand-Version Victor Hugos kommerzialisierten Klassikers. Selbiger sitzt seit drei Jahrzehnten in einer elendigen Endlosschleife der Adaptionen; fürs Kino, den Fernseher, Heimkino, die Bühne, oder die Bühne als Kinofassung … Hugos verbissener Inspektor Javert verfolgt seinen erklärten Erzfeind Jean Valjean nicht so hartnäckig wie Versionen des 1862 veröffentlichten Romans das Publikum. Dem serviert der französische Regisseur und Drehbuchautor einen vor heimischen Stars strotzenden Neuaufguss. Dessen bemerkenswerteste Eigenschaft ist derivative Denkfaulheit.
Diese signalisiert bereits die erste Szene mit einem computergenerierten Setting, das imposant sein soll, aber mehr wie ein Trailer zu „Die Siedler“ aussieht. Dazu erzählt ein Off-Kommentar das, was die Bilder vermitteln, als zweifle Cavajé entweder an seiner eigenen Inszenierung, der Auffassungsgabe des Publikums, oder Hugos Vorlage. Letzte kürzt die in vier ineinander verschlungenen Stränge unterteilte Handlung erheblich. Das ist nahezu unumgänglich, sofern keine Serie entstehen soll, wie zuletzt 2018 eine mit UK-Stars besetzte BBC Produktion.
Die essenziellen Episoden folgen den Schicksalen von Jean Valjean (jung: Louis Peres, The Sentinels; alt: Vincent Lindon, A Good Little Soldier), der für den Diebstahl eines Brotes 20 Jahre in Kerkerhaft kommt. Seine Nemesis romanischer Abstammung, Inspektor Javert (Tahar Rahim, Alpha) die tragische Fabrikarbeiterin Fantine (Noémie Merlant, Roma Elastica) deren uneheliche Tochter Cosette (Giulia Sagnier als Kind; erwachsen: Megan Northam, Urchin) in Valjeans Pflege bleibt. Die sich in Armut durchschlagenden Thénardiers (Camille Cottin, The Riders; Benjamin Lavernhe, Modi), deren Tochter Éponine (Marie Colomb, Wie wilde Tiere) für Cosettes Liebsten Marius (Vassili Schneider, Die Farben der Zeit) schwärmt.
Die zeitlosen Themen gesellschaftlicher Ungleichheit, dem Stigma sozialer Herkunft, dem vergeblichen Kampf für einen politischen Umbruch sowie die unscharfe Grenze zwischen Recht und Gerechtigkeit, Strafe und Rache, Gut und Böse verlieren nie ganz ihre Wirkung. Genauso behalten Hugos komplexe Charaktere stets einen Rest Charisma, den besonders Rahim und Colomb hervorbringen. Doch diese Reste allegorischen Dramas und moralphilosophischer Konflikte verwässert eine seichte Inszenierung, die ethische Konstrukte und soziologische Analogien so wörtlich nimmt wie den zeitgeschichtlichen Rahmen.
Fazit
„Das Paradies der Reichen entsteht aus der Hölle der Armen.“, besagt ein einleitendes Zitat. Allerdings nicht aus Victor Hugos epischer Romanvorlage, sondern aus seinem vergleichsweise vernachlässigten „Der Mann, der lacht“. Diese Abweichung wirkt symptomatisch für Fred Cavayés Distanz zum literarischen Stoff, den er in denkbar platter Form verfilmt. Denis Roudens Kamerabilder gleichen verstaubten Schulbuchillustrationen, ergänzt von manierierten Dialogen, deren belehrende Funktion der überflüssige Erzähler-Kommentar und theatralische Soundtrack steigern. Hugos Original wirkt moderner als die passabel gespielte Schulkino-Schnulz.