Inhalt
Während eines Sturms sucht eine Mutter die Wohnung ihrer Tochter auf, um eine Lüge zu gestehen, die das Fundament ihrer Familie erschüttert und dazu führt, dass ihre Beziehung zueinander zerbricht.
Kritik
„I spent a long time asking myself what kind of film this was.“, sinniert Paolo Strippoli (The Holy Boy) im Regie-Kommentar seines schadenfrohen Spektakels, das als zweiter Horrorfilm neben Casey Afflecks Company im Wettbewerb von Venedig Premiere feiert. „Eine Familiensaga? Ein psychologischer Thriller?“ Im Zentrum steht in der Tat eine Familie, die der als Erzählerin fungierenden Antiheldin Anna (Jasmine Trinca, It Will Happen Tonight), die verkündet: „We were what others wanted to be.“ Das scheint zweifelhaft angesichts der heteronormativen Horror-Harmonie, die Anna, ihr Ehemann, die zwei Kinder und der Hund verkörpern.
Anna ist Besitzerin eines boomenden Luxus-Modegeschäfts, Gatte Walter (Adriano Giannini, Return to Buenos Aires) ein erfolgreicher Unternehmer, Tochter Alice (Romana Maggiora Vergano, Portobello) hat gerade eine Rolle in einem Werbespot erhalten, und Sohn Tobia (Alessandro Carbonara, Solo Mio) scheint für eine Profifußball-Karriere bestimmt. Ob der Regisseur und Co-Drehbuchautor die zu Beginn schwerreiche Sippe als Karikatur gedacht hat oder tatsächlich die mondäne Protzigkeit und 80er-Jahre-Attraktivität Annas Familie und deren Anwesens für das Nonplusultra hält, ist unklar. Laut Annas Bekenntnis, das sie in der Rahmenhandlung der erwachsenen Alice vorträgt, war damals alles Bestens.
Bis der Familienhund an einem scheinbar triumphalen Tag Alice Bein zerfleischt. Im Krankenhaus begegnet Anna Valeria Bruni Tedeschis (Zone 3) buchstäblich mephistophelischer Fremder, die ihr ein perfides Geschäft vorschlägt. Alice wird entgegen der Prognose nicht ihr Bein verlieren, doch dafür wird Tobia zunehmen. Verzweifelt willigt Anna ein und initiiert damit die titelgebende Spirale. Tobias Fettleibigkeit verhindert eine Fussball-Karriere und wird lebensbedrohlich. Da schlägt die Fremde ein neues Geschäft vor. Dummerweise hat Anna nie „The Monkey‘s Paw“ gelesen und merkt nicht, dass sie in einem Telenovela-Abklatsch W.W. Jacobs Meisterwerks steckt.
Was den Psycho-Thriller, angeht, dafür fehlt es den karikaturesken Charakteren an Tiefe und der Dramaturgie an Nuancen. Statt Anna als unzuverlässige Erzählerin zu etablieren, deklariert Strippoli sie dialogisch zu einer solchen, und lässt Alice erklären, dass hinter der perfekten Fassade schon immer Probleme gärten. Derlei plumpe Exposition wirkt wie ein nachträglicher Versuch, die Handlung komplexer zu machen. Dabei protzt das spekulative Spektakel von der ersten Szene mit seiner vermeintlichen inszenatorischen Cleverness wie die Figuren mit ihrem schwindenden Reichtum. Eine grelle Genre-Groteske, ohne eine einzige eigene Idee.
Fazit
„A tragedy in the Aristotelian sense“, nennt Paolo Strippoli seine von chauvinistischen Misstönen triefende Horror-Farce. Fettleibigkeit wird als abstoßend ausgestellt und verhöhnt, Kinder der Unterschicht erscheinen als von Klassenneid getriebene Aggressoren, Queerness wird Objekt straighter Schaulust und weibliche Ambitionen sind buchstäblich die Mutter allen Unheils. Immerhin Valeria Bruni Tedeschi hat sichtlich ihren Spaß mit schrägem Overacting. Marcello Di Carlos pompöses Produktions-Design wird als Quintessenz vermögender Geschmacklosigkeit unbeabsichtigt zum Indikator der inszenatorischen und narrativen Abgeschmacktheit. Ein blasiertes Derivat, das mit den abgekupferten Material nichts anzufangen weiß.
Autor: Lida Bach