Inhalt
Der Film folgt vier Migranten in Mumbai – einem schwulen Ehemann, seiner in einer Bar arbeitenden Frau, einem Dieb und einem Zuhälter –, deren Leben um Liebe, Überleben und Sehnsucht kreisen und miteinander verknüpft werden.
Kritik
Mumbai mit seiner Hektik und Menschenfülle, ökonomischen und sozialen Kontrasten diente Anuparna Roy bereits als schillernder Schauplatz ihres hochgelobten Debüt-Dramas. Songs of Forgotten Trees feierte im vergangenen Jahr auf der Biennale in der Sektion Orizzonti Premiere und wurde dort als erster indischer Film mit dem Preis für die Beste Regie geehrt. Nun kehrt die Regisseurin zurück nach Venedig in die gleiche Sektion mit einer ebenso sensiblen Auseinandersetzung mit ihr wohlvertrauten Themen. Hinter partnerschaftlichen Konventionen verbergen sich Einsamkeit und psychischer Leere.
Partnerschaftliche Verpflichtungen ersticken langsam unerfülltes Verlangen. Heimliche Sehnsüchte widersetzen sich dem Druck patriarchalischer Traditionen, die ihrerseits mit den neuen materialistischen und moralischen Maßstäben einer rasant fortschreitenden Gesellschaft kontrastieren. Ein Quartett äußerlich grundverschiedener Charaktere teilt vor diesem vielschichtigen sozialstrukturellen Hintergrund, den Roy und ihr Co-Drehbuchautor Nikhil Lama aktiv in das episodische Handlungsgeflecht einbinden, die Suche nach einem Weg aus ihrem emotional erdrückenden Alltag. Sie alle sind als Migranten Fremde in der geschäftigen Metropole, deren Aura ungeahnter Möglichkeiten mit einer harschen Realität kollidiert.
Eine junge Angestellte (Neelima Sharma) in einem Nachtclub träumt von romantischer Leidenschaft und Liebesritualen, umgeben von den Club-Tänzerinnen, die ihre Sexualität selbstbewusst ausleben. Ermutigt von ihnen wagt sie eine Affäre mit einem ebenso einsamen Gast. Ihr Ehemann Karim, der seine eigene sexuelle Orientierung bisher unterdrückt hat, beginnt eine riskante Beziehung zu einem Kleinkriminellen. Letzter schwankt seinerseits zwischen Opportunismus und dem Wunsch nach einem gemeinsamen Neuanfang. Ein skrupelloser Geschäftsmann ist der Vierte in diesem suggestiven Geflecht von emotionaler Isolation, Entfremdung und dem Paradox gemeinsamer Vereinsamung.
Fazit
Wenn in Anuparna Roys bittersüßer Großstadt-Fabel die Besuchenden eines Nachtclubs in individuellen Boxen voneinander getrennt über ein internes Telefon-Netzwerk über ihre Gefühle und erotischen Phantasien sprechen, manifestiert sich darin anschaulich die widersprüchliche Wechselbeziehung von Fremdheit, Vertrauen und Wunschdenken. Während die institutionalisierten Verbindungen der prototypischen Charaktere von tradierten Partnerrollen und Pflichtgefühl bestimmt sind, finden sie in heimlichen Liaisons die Offenheit, zu sich zu stehen. Realismus und Allegorik wechseln in dem einfühlsamen Ensemblestück, dessen naturalistischer Cast und soziologisches Feingefühl strukturelle Schwächen überwinden.
Autor: Lida Bach