MB-Kritik

The End of Times 2026

Documentary

María Inés Toro
Gerardo Cárdenas
Gustavo Hernán Idárraga

Inhalt

Salomé sichtet jahrzehntelanges Familienvideomaterial, um der Traurigkeit ihrer Mutter auf den Grund zu gehen. Dabei stößt sie auf eine Vergangenheit, die von Ausbeutung und historischer Gewalt in Kolumbien und Lateinamerika geprägt ist. Indem sie mithilfe künstlicher Intelligenz eine weniger schreckliche Welt entwirft, erkennt sie, dass es uns leichter fällt, uns das Ende der Welt vorzustellen als das Ende des Kapitalismus.

Kritik

In der ersten Szene Bibiana Rojas Gómez und Juan David Cárdenas experimentellen Essays wird gefeiert. Ein altes Heimvideo der augenscheinlichen Autorin, die in der Gegenwart als Stimme aus dem Off präsent ist und in der Vergangenheit fast nur als Kleinkind, zeigt ihren Verwandten- und Freundeskreis daheim bei einer Party, wie sie im Laufe des biographischen Palimpsest noch öfter stattfinden. Auf den ersten Blick scheint die Stimmung ausgelassen und unbeschwert. Doch das täuscht,, jedenfalls bei der Mutter der Erzählerin. 

Salomé heißt sie innerhalb des semi-dokumentarischen Hybrid-Films auf den Spuren der psychischen Auswirkungen systemischen Drucks und generationsübergreifender Gewalt. Deren Schatten lastet schwer auf Salomés kolumbianischer Heimat, die seit den frühen 60er unter einem der weltweit langwierigsten und tödlichsten bewaffneten Konflikte leidet. Zur sukzessiven Normalisierung von Angst und Tod kommt die wachsende ökonomische Instabilität im Zuge der Globalisierung sowie spätkapitalistischer Strukturwandel. Unter diesen äußeren Faktoren und in der spezifischen Dynamik ihrer Familie sucht die Protagonistin nach Antworten.

Die Fragen, die sie ein Leben lang beschäftigen, kreisen um die Traurigkeit ihrer Mutter. Deren Auslöser, Hintergründe, Konsequenzen. Videos verschiedener Jahrgänge und die erzählten Erinnerungen der Protagonistin erstellen als einzige Quelle der Information ein höchst subjektives Soziogramm des privaten Mikrokosmos. Aus diesem generieren verschiedene AI-Simulationen ideelle Fiktionen: alternative Realitäten, in denen die Mutter nie depressiv wird und ein langes Leben hat. Ein persönliches Puzzlespiel voll artifizieller Abstraktion, dessen lapidares Fazit die selbstbezogene Chronik kaum rechtfertigt.

Fazit

Aus einer filmischen Collage alter Heimvideos und deren AI-generierter Verfremdungen und Ausformungen konstruiert die Protagonistin Bibiana Rojas Gómez und Juan David Cárdenas ein quasi-biographisches Spiegelkabinett. Obschon der persönliche Zweck dieser experimentellen Erkundung nachvollziehbar ist, ergibt sich daraus kaum weiterer Mehrwert. Die repetitive Ästhetik erschöpft sich in grobkörnigen Handkamera-Bildern, PC-Bildschirm Ansichten sowie den bizarren Simulationen des Algorithmus. Dessen Produkt scheinen auch formaler Aufbau und Fokus der perfekt auf den Zeitgeschmack von Festivals und Arthouse-Kinos zugeschnittenen Inszenierung. 

Autor: Lida Bach
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