Inhalt
Drei eigenständige, aber miteinander verknüpfte Geschichten aus der Arbeitswelt in und um New York City, die den Kampf von Lieferboten – darunter Beschäftigte von Amazon, UPS und Essenslieferdiensten – um höhere Löhne und bessere Arbeitsbedingungen in den Mittelpunkt stellen.
Kritik
„If you want changes, you have to be the catalyst for the change.“, sagt einer der Arbeitsrechts-Aktivisten in Barbara Kopples (Running from Crazy) glühender Portest-Dokumentation vor der Kamera. Immer dicht am Geschehen, steht sie buchstäblich und symbolisch mit an vorderster Front des Kampfs für die Grundrechte an den unterbezahlten Arbeitsplätzen billiardenschwerer Liefergiganten. Amazon, UPS und die Fahrradkuriere der Apps, die in Minuten Essen und Waren an die Wohnungstür bringen sollen. Die Gig Economy wird zum Machtinstrument mächtige Konzerne, die gezielt die Verwundbarkeit migrantischer Arbeitender und Menschen der Unterschicht ausbeuten.
„It doesn‘t matter if you got a union. If people stand shoulder to shoulder, there‘s nothing that can stop us.“
Sich zu Tode arbeiten ist keine bloße Redewendung bei Amazon, die in den vergangenen Jahren mehrfach aufgrund der mörderischen Zustände in den Warenhäusern in die Schlagzeilen gerieten. Billy Foister, Roger Kieca und Rafael Reynaldo Mota Frias sind nur einige der Opfer brutaler Konditionen, die regelmäßig zu Verletzungen führen, nachhaltig die Gesundheit der Angestellten schädigen und Todesfälle provozieren. Das Recht auf den vereinten Widerstand gegen die menschenverachtenden Zustände wird den Gewerkschaftler*innen abgesprochen, doch sie lassen sich nicht einschüchtern.
Der Protest, den Kopple mit geschultem Blick für ausdrucksstarke Situationen und aufrichtiger Empathie für die individuellen Schicksale in der Demonstrantenmenge einfängt, manifestiert sich als gegenwärtige Neubegründung einer historisch essenziellen Bewegung. Deren weitreichende politische Konsequenzen bleiben durchgehend fixiert im Vordergrund der über drei Jahre entstandenen Chronik eines Widerstands. Lagerhäuser, öffentliche Plätze, Parlamentsgebäude und Versammlungsräume werden zu den Nerven eines Systems, dass diejenigen am geringsten schätzt, die es am Laufen halten. Ein filmisches Manifest von und beklemmender Dringlichkeit und alarmierender Aktualität.
Fazit
Arbeit ist am US-amerikanischen Schauplatz Barbara Kopples mitreißendes Cinéma vérité allgegenwärtig. Menschen werden systematisch anonymisiert, entindividualisiert und unsichtbar gemacht in einem auf Profit programmierten Ausbeutungsapparat. Energetische Handkamera-Aufnahmen transportieren die situative Spannung des Geschehens, strukturiert und begleitet von Grundsatzgesprächen über die elementare Bedeutung des Gewerkschaftseinsatzes. Solidarität wird zur essenziellen Herausforderung in einem fragmentierten Arbeitsmarkt und einer gespaltenen Gesellschaft. Freude über juristische Erfolge wärt kurz. In futuristischer Gestalt von Robotern ist die nächste Etappe der spätkapitalistischen Dystopie bereits in Sicht.
Autor: Lida Bach