Inhalt
Eine Einbrecherin entdeckt in einer Wohnung eine Leiche und beschließt zu bleiben, um dem Leben des Verstorbenen nachzuspüren. Die Auseinandersetzung mit seinen Erinnerungen und Geheimnissen inspiriert sie dazu, sich eine andere Zukunft vorzustellen und ihr eigenes Leben zu wandeln.
Kritik
Eine fremde Identität wird zum Schlüssel zu einer neuen Selbstwahrnehmung in In Grzegorz Dębowskis (Tyle co nic) psychologischen Kriminaldrama. Untermauert mit schlichter, doch eingängiger Symbolik, betrachtet dessen Handlung die Güter einer unbekannten Person als eine Gesamtheit von Gegenständen und den daran geknüpften Erinnerungen, sozialen Funktionen und menschlichen Kontakten. Von all diesen Dingen hat die verschlossene Hauptfigur Kasia (Monika Kwiatkowska) sich äußerlich gelöst. Als professionelle Diebin und Einbrecherin bemisst sie den Wert von Objekten nach deren praktischen Nutzen und Verkaufswert,
Ihr aus Notwendigkeit entsprungener materialistischer Minimalismus wird unvermittelt infrage gestellt, als sie bei einem ihrer Einbrüche den Bewohner verstorben auffindet. Der eines natürlichen Todes erlegene Mann wird für sie zunächst zu einem potenziellen Garanten kurzfristiger Stabilität. Während sich das Einkassieren der Versicherung und des Erbes als unerwartet kompliziert herausstellt, findet sie sich im privaten Mikrokosmos des Unbekannten in einer abgefallenen Hülle von Legalität und Regularität. Warum sie selbst diese Aspekte aufgeben musste, bleibt unklar.
„Jeder hat eine Vergangenheit. Mich interessiert die Zukunft.“, sagt Kasia zu einer von ihr aufgespürten Angehörigen Poitrs, wie der Tote hieß. Paradoxerweise erlaubt ihr gerade seine augenscheinliche Vereinsamung, sich gegenüber der Polizei und den Behörden als enge Freundin und Vertraute auszugeben. Mit Stanisław Horodeckis ruhigem Kamerablick beobachtet das nüchterne Szenario die zunehmend entschlossene Emanzipation der in einer toxischen Beziehung gefangenen Protagonistin. Die fremde Existenz wird zu der unerlässlichen Grundlage zum Eintritt in einen geschlossenen bürokratischen Kreislauf.
Fazit
Gesellschaftliche Zugehörigkeit zeigt sich in differenzierter Sozialstudie als unerreichbar für alle außerhalb dieses geschlossenen Gefüges. Den Zugang verschafft sich die delinquente Hauptfigur über eine makabere systemische Hintertür - konkreter: die Tür zu einer Fremden Wohnung. Frei von Moralismus und Läuterungsdogmen eröffnet die einfühlsame Inszenierung Zwangslage marginalisierter Personen, die mit den emotionalen Grundbedürfnissen ihre Individualität radikal einschränken müssen. Das nuancierte Spiel Monika Kwiatkowskas vermittelt die permanente Existenzangst einer Figur, für die der vermeintlich selbstverständliche Platz im Sozialgefüge ungewohnt ist.
Autor: Lida Bach